Gehirnwäsche
Ich habe diesen Schritt getan, weil ich neugierig war. Neugierig wie ein Sechzehnjähriger. Doch als ich durch die Tür gegangen war, kam mir alles so fremd vor. Ich wollte umkehren, doch man hatte mich bereits freundlich begrüßt. Man bot mir Speis und Trank und ich griff zu und nutzte die Gelegenheit, mich umzuschauen. Es war mir fremd, dieses Unternehmerland, und doch hatte es etwas Faszinierendes an sich. Man lernte viele seltsame Leute kennen. Ich verstand sie nicht, aber sie waren freundlich. Nach und nach lernte ich ihre Sprache und konnte mich mit ihnen unterhalten. Und ich freute mich, wie immer, wenn ich etwas Neues gelernt hatte. Ich wollte wie sie sein und freute mich über jeden Fortschritt.
Doch die neue Sprache entpuppte sich als Gehirnvirus. Sie fesselte alle Gedanken, die sich nicht mir ihr ausdrücken ließen. Gedanken aus anderen Ländern wie Kunst, Kultur, Philosophie, Wissenschaft und Pädagogik, Länder, in denen ich mich früher so wohlgefühlt hatte.
Doch dafür war hier kein Platz. Die Stimmen wurden lauter, man redete auf mich ein, die Luft wurde immer dicker. Ich scnappte ächzend nach Luft und schnürte die spanischen Stiefel gleichzeitig noch enger, um nicht vor Wahn zu zerplatzen.
Worauf habe ich mich eingelassen? Was wird mit mir gemacht? Was soll ich tun? Sie haben mich nett bewirtet, ich bin in ihrer Pflicht. Doch ich kann nicht. Ich kann nur fliehen, raus aus diesem Käfig, raus aus diesem Wahnsinn, dieser Gehirnwäsche, diesem gottverdammten ... Hilfe!!!!
Da! Ein Lichtstrahl, ein Weg, ein Ausweg, mein Weg. Ich habe ihn gefunden. Endlich! Noch ist es nicht zu spät, noch liegen die Seile ungebunden. Ich lasse sie fallen. Ja, ich lasse sie fallen. Es wird höchste Zeit!
Ich wende mich zum Licht, kehre ihnen den Rücken. Die Stimmen verstummen hinter mir, die Münder stehen offen. Ich weiß genau, was in ihnen vorgeht. Ich zögere, bleibe stehen. Langsam drehe ich mich um, ein letztes Mal lasse ich meinen Geist durchs Unternehmerland kreisen, das Land der Manager mit all seinen Märkten, Wachstumspotentialen und sozialen Kompetenzen.
Und ich wende mich an all die offenen Münder. Eine Träne kullert mir die Wange herunter. Was soll ich sagen? Nur langsam und flüsternd bringe ich es über meine Lippen: "Es tut mir leid - doch es ist wahr: Ihr müßt ohne mich glücklich werden, denn ich kann nur ohne euch." - Ab.