Martin Teucher

Abitur-Philosophisches Streitgespräch

 

[Musik: Whiter Shade of Pale]

 

Robert:

„Schule - Ein Stück Leben geht zu Ende“, sagte der Abbruch.

„Was soll’s. Der Mensch braucht ab und zu ‘ne Wende!“, meinte der Umbruch.

 

Martin:

Freiheit ist’s, die uns erwartet“, verkündete der Ausbruch.

„Nur frisch auf neuen Weg gestartet!“, proklamierte der Aufbruch.

 

Robert:

„Wer hoch hinaus will, kann tief fallen“, warnte der Einbruch.

 

Martin:

„Doch irgendwann kommt der Moment“, versicherte der Durchbruch.

 

Robert:

„Schule Ein Stück Leben geht zu Ende“, sagte der Abbruch.

„Was soll’s. Der Mensch braucht ab und zu ‘ne Wende!“, meinte der Umbruch.

 

Martin:

Freiheit ist’s, die uns erwartet“, verkündete der Ausbruch.

„Nur frisch auf neuen Weg gestartet!“, proklamierte der Aufbruch.

 

[Musik weg]

 

Robert: Doch was ist verdammt nochmal der richtige Weg? — —

Die Qual erdrückt mich! Freiheit nennst Du das?

 

Martin: Das ist die Freiheit, die ich meine:

Du bist in der Entscheidung frei,

jedoch, sie kommt nicht von alleine.

so ist denn auch der Zwang dabei.

 

Robert: Na, toll. Das ist doch Widersinn!

„Freiheit heißt gezwungen sein.“

Ist denn Zwang ein Zugewinn?

Oh, wie schön war doch die Zeit,

da wir als Kinder noch ganz klein

uns aalten in der Sicherheit.

Wohl dem, der sie zu wahr’n vermag,

find’t Seelenruh für alle Tag.

 

Martin: Da frag ich mich, wo stünden wir wohl jetzt,

hätt’ jeder stets auf Sicherheit gesetzt!

Nur Zweifel, nur Willen, Erfahrung und Drang

bringen den Menschen letztendlich voran.

 

Robert: Trotzdem es ist nun einmal so:

Mein Abi zu haben macht mich froh.

Nun bin ich endlich hochschulreif,

weshalb ich auf ‘ne Lehre pfeif.

Studieren ist jetzt angesagt!

 

Martin: Doch hast du dich schon mal gefragt:

Warum?

Waren’s nicht g’rade die letzten zwei Jahr,

die uns bewahrten vor jener Gefahr,

voreilig sagen zu müssen, was wird,

obwohl uns der Anblick der Zukunft verwirrt?

Hat uns das Abi nur Wissen fürs Leben,

und nicht auch persönliche Reife gegeben?

Vorlieben, Schwächen, ja: Identität,

eig’ne Gedanken zu sehn, wo man steht!

Und wer’s nun genau weiß, richt’ sich nicht nach Herden.

Schrei’s frisch nur heraus: Ich will Tischler werden!!!

 

Robert: Oh, hör ich solch absurd’s Geschwätze,

der Rücken wird mir immer kühler:

Wir sind doch keine Mittelschüler!

Die gottverdammte Lehrstell’nhetze,

die fällt uns doch im Traum nicht ein!

Das Abi ist ein Meilenstein.

‘s Diplom es wird ein weit’rer sein.

Dann einen Job und gut Gehalt

find’st du bei Großkonzernen bald.

Gehst brav zur Arbeit, sorgenleer:

hast ausgesorgt. Was willst du mehr?

 

Martin: Pah! Bist Du so auf Ruhe aus,

so kannst du gleich ins Grab dich legen.

 

[Trommelwirbel]

 

Veränderung heißt die Maxime!

Oder findst du alles gut und schön?

Gegensatz ist unser Antrieb!

Nicht ausgelatschte Pfade gehn!

Risiko das ist die Folge!

Wer’s probiert, der wird’s verstehn!

 

[weg]

 

Robert: Doch alles wird zuletzt vergehn.

Was bringt’s dem, der sich eifrig regt?

Ich bin doch nicht blöde!

Ist diese Erde erst hinweggefegt,

redet niemand mehr über Bill Gates und Goethe!

Klug ist drum, wer das erkennt,

und nicht wild die Welt durchrennt.

Ein Weib, ein Bier, ein Auto, ein Haus

so läßt sich’s leben gut durchaus.

 

Martin: Da schließ ich doch was andres draus.

Zwar fehlt’s dem All im Ganzen wohl an Sinn,

im Einzel’n findet er sich dennoch drin:

So läßt sich denn für alles Tun und Lassen,

nicht nur Grund auch Wirkung fassen.

Und eben diese Wirkung ist der Sinn.

Was nicht gelingt, hat doch auch Sinn.

Du wirst ihn finden Schau nur hin!

 

Robert: Du mit deiner Philosophie!

Bist Optimist und weißt nicht wie

das Leben ist.

Voller Hürden, voller Schmerzen,

voll Enttäuschung obendrein.

Ja, damit ist nicht zu scherzen:

Am Ende stehst du ganz allein ...

Was gestern galt, gilt heut nicht mehr.

Und dumm ist, wer noch wagt zu hoffen.

Ein Ziel zu setzen, fällt mir schwer,

denn wenn’s mißlingt, bin ich getroffen.

Ich kenn wohl Leut’, die mich verstehn...

 

Martin: Doch läßt du dir gar viel entgehn!

Was falsch zu machen, ist im Grunde

kaum möglich. Es kommt nur vor,

daß man sich sagt: Bin ich ein Tor!

Doch gleich wird des Gewissens Wunde,

von selbst sich heilen durch die Freud,

zu wissen: Dumm war ich nur heut!

Gelernt hab ich fürs nächste Mal

dann treff ich eine bess’re Wahl.

 

Robert: Um Ärger kommst nie herum

da hilft nur eisern widerstehn:

Man meide die Genüsse drum,

um Schmerzen zu entgehn.

 

Martin: Ha! Ich lag schon auf der Lauer,

zum Teufel schicktest du die Weisheit!

Jetzt kommst du mir mit Schopenhauer.

 

Robert: Mag sein, doch bleib ich auf der Erde

und setz mich nicht auf Himmelspferde.

Wozu sich sinnlos Fernweh machen,

kann man zuhaus am schönsten lachen?

 

[Musik, piano, Trommelwirbel leise;

creszendo, fordernd, steigernd zu forte, Wirbel laut]

 

Martin: „Sehnst du dich nicht, weit hinaus zu wandern ...

bereitest dich zu raschem Flug?

Sei nur selbst dir treu und treu den andern.

Dann ist die Enge weit genug.“ [1]

 

[Beckenschlag -> weg]

 

Robert: Treue! Pah! Vertrauen!

Tausendmal gebrochen!

Wer Vertrauen verschenkt, hat schon entbehrt:

Einmal gebrochen - und nichts mehr wert.

Halt drum alles schriftlich fest!

Auf daß es sich später einklagen läßt!

Man mache Verträge,

wenn man sich verträgt.

Denn heut’ schon erwäge,

wie’s wär, wenn man läge

im Streit und

durch Mißgunst bewegt

sich nicht mehr verträgt.

 

Martin: Die Welt ist viel zu schön,

um das so ernst zu sehn.

 

Robert: Ach was: Schönheit! Was nützt’s?

Ästhetik! Kunst! Göttlicher Fimmel!

Das Leben ist auf der Erde, nicht im Himmel!

Fleisch und Blut sind wir zum Leben!

Nicht um solch’ Hirngespinst’ zu weben!

Was man nicht sehn und greifen kann,

das ist am Ende doch nur Trug.

Und wenn der Tod uns erst gewann,

erfahren wir’s noch früh genug.

Jetzt sind wir aber auf der Welt:

Und alles regelt sich durchs Geld.

Ja, ich mein, so sollt’s auch sein.

 

Martin: Verachte nur nicht jene Zeit,

da du die Seele mußt befrein!

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein ...

 

[Musik an: romantische Klangbilder]

 

Der Liebende will Ewigkeit,

der Schöpfende Vollkommenheit.

So mancher möcht zum Himmel schrein:

Das Leben soll unendlich sein!

Und wer hat nicht schon Glück gefühlt?

und laut gemeint: Nie darf’s vergehn!

Und doch ward es hinweggespült!

Letztendlich mußt du’s eingestehn:

Der Mensch braucht etwas Absolutes.

Doch findet er’s im Diesseits nicht

zu göttlich ist das reine Licht.

Warum sind wir auf dieser Erde?

Wer tut die Echte Wahrheit kund?

Oh, daß uns doch nie Klarheit werde:

Was ist der Sinn, der letzte Grund?

Vielleicht täuscht man gar unsre Sinne,

und alles ist nur virtuell?

Ein Anlaß wär’s, daß man beginne

die Schleier zu entfernen schnell.

Es wird uns dennoch nie gelingen,

so oft man es auch ausprobiert.

Und doch sehn wir in allen Dingen

das Licht der Wahrheit reflektiert.

Das Absolute finden wir

es tut mir leid nur mittelbar.

Die Kunst, sie gibt den Abstand dir,

zu schaun: Die Welt ist wunderbar.

 

[romantischer Ausklang ...]

 

Robert: Willst du nicht ein Buch schreiben, damit könntest du anständig Kohle machen!

 

Martin: Oh, dessen bin ich überdruß.

Die ganze Welt will nur das eine:

Geld und Geld im Überfluß!

Und jeder denkt nur an das seine.

Das Geld, es macht die Menschen schlecht.

 

Robert: Da geb ich Dir nicht völlig recht.

Auch Idealisten

sind Egoisten.

Reputation

das ist ihr Lohn.

Wer spendet und gibt,

wird allseits geliebt.

Ein Herz unbeschwert

hat auch seinen Wert!

 

Martin: Oh! ... wie man’s macht, macht man’s verkehrt.

Und dennoch find ich’s gar nicht schlecht,

wenn eine Hand die andre wäscht.

Ich sagt’s bereits vor kurzer Zeit:

Wohl nirgends gibt’s Vollkommenheit.

Doch unerreichte Perfektion

bringt Zeitvertreib genug dir schon.

 

Robert: Da kenn’ ich bessres als solch’ Streben.

Auch ohne Ehrgeiz hast du Spaß.

Was vermag Genuß zu heben,

das tu

doch verliere nie das Maß!

Ja, ich mein, nur so macht’s Sinn.

 

Martin: Ach! wo kämen wir denn hin!

Wenn jeder nur das Nötigst’ machte,

weil Nutzen aus der Nähe lachte.

Wenn man werkelt’ gleich drauflos,

weil allein die Lust so groß.

Ich sag Dir: lieber unbegonnen

als nicht geglückt, weil unbesonnen!

Gut Ding braucht nun mal seine Zeit.

 

Robert: Doch so kommst du auch nicht weit.

Willst du zum Besten stets hinan,

zu leicht verzettelst du dich dann!

Die Wirklichkeit, sie holt dich auf,

noch eh die Tat nimmt ihren Lauf.

Und schon ist die Idee zerronnen!

Drum sag ich:

Frisch gewagt, ist halb gewonnen.

 

Martin: Wie leicht man sich doch irren kann,

fängt man stets so euphorisch an!

Geht’s schief, so mußt du eingestehn:

Der Ärger war vorauszusehn.

Die Fehler sind zwar vielfältig,

doch suche man sie stets bei sich.

Dir selbst bist du verantwortlich!

 

Robert: Doch solltest du’s nicht immer wagen,

die deinen Schwächen laut zu sagen.

Zu viele handeln nur nach Trieb,

und schieben Schuld schon aus Prinzip

auf andere.

Willst du da im Nachteil sein?

Komm, tu nur nicht so gut erzogen

nimm auch du den Ellebogen

sei auch du ein Schwein!

 

Martin: Ach die Welt ist ungerecht ...

 

Robert: Jaja ...

„dir geht’s gut,

und mir geht’s schlecht.

Wär’ die Welt etwas gerechter,

ging’s mir besser

und dir schlechter.“ [2]

 

Martin: Noch so’n egoistischer Verfechter.

Doch zeigt’s, was wir bereits gewohnt:

Erfolg und Neid zusamm’ gehör’n ...

Wirst du für Mühe gut belohnt,

so sollte es doch keinen störn.

Dennoch gibt’s nicht nur Kompliment,

weil Konkurrenz recht selten pennt.

Zu gönnen andern Leut’ ihr Glück

von Größe zeugt’s nicht nur ein Stück.

So geh nie auf Konfrontation:

Vermittlung ist der Weisheit Sohn!

Kein Wunder, daß ich Zivi mach’,

will weder Militär noch Krach.

 

Robert: Ja, Ideale gut und schön:

Der Weg zum Ziel ist auch zu gehn!

Oh, viele waren’s, die da zwangen,

Recht mit Rechte zu erlangen.

Doch wer nicht mit sich reden läßt,

will kämpfen bis zum letzten Rest.

Um zu schaffen Schlechtes beiseite,

man drum auch dunkle Wege beschreite.

So gefährdest du zwar deinen Titel

allein: Der Zweck heiligt die Mittel.

 

Martin: Doch die Gewalt am Schluß verliert,

weil sie zu haltlos döst.

Probleme friedlich formuliert,

sind so schon halb gelöst.

Ja, such’ nur rational zu machen,

was dir an Schmerzen innewohnt.

Allein vergiß auch nie zu lachen,

wenn das Glück dich reich belohnt.

 

Robert: Genau! Und fördern kannst du’s allzumal,

nimmst schöne Stund’ nur bei der Zahl.

Ja, das Geheimrezept, es ist:

Sei Optimist und Pessimist:

Hast du Einfluß aufs Gelingen,

so sollst du zuversichtlich singen.

Hast du’s indes nicht in der Hand,

so wie beim Wetter wohlbekannt,

brauchst Pessimismus nicht zu scheuen,

umso mehr wirst du dich freuen,

wenn die Sonne lacht.

 

Martin: Die Sonne nehm ich mir zum Zeichen

wir konnten Einigkeit erreichen ...

Wie Wunder wirkt so ein Konflikt:

Zugleich zerstört er und erquickt.

Ich merk’s:

Nur radikales Hinterfragen,

nur sachlicher verbaler Krieg

entschärft brenzlige Lebenslagen

und verschafft dem Fortschritt Sieg.

Nun haben wir gar viel gestritten

Die Tugend liegt doch in der Mitten!

Der Mensch sie täglich finden muß.

Das ist der Weisheit letzter Schluß.

 

[Musik: Whiter Shade of Pale]

 

Robert: [nickt, fortan zum Publikum blickend]

Drum wollen wir endlich Entscheidungen fassen,

uns von Ängsten und Sorgen nicht abschrecken lassen!

Das Leben zu meistern, hilft nur Konsequenz

Vernunftvoller Tatendrang ist die Essenz.

 

Martin: Doch merk man sich, was Basis ist

Und später dann sich selber dankt:

Wie leicht man doch den Weg vergißt,

ist man am Ziele angelangt.

 

Robert: Womöglich gibt es gar kein Ziel

und die Welt dreht sich im Kreis?

Auch wenn uns das nicht gleich gefiel’

Es lohnt sich trotzdem jeder Fleiß ...

 

Martin: [nickt]

Wie oft hat man schon neu begonnen,

und geht’s kapputt zum x-ten Male!

Erfahrung hat man stets gewonnen.

So ist’s kein Kreis, doch ‘ne Spirale.

 

Robert: Wo’s hinführt, weiß, wem’s widerfährt.

Es bleiben immer Fragen offen.

Das macht das Leben lebenswert

und gibt Gelegenheit zu hoffen.

 

[... Musik weiter ... Übergang zu tuschartiger Steigerung, Trommelwirbel]

 

Martin: Drum wollen wir sie denn auch leben

die Kraft, die uns gegeben ward.

 

im Chor: Wir wollen dieser Welt ‘was geben!

Einjeder tu’s auf seine Art!

 

[finale furioso]

 

 

 [1] frei nach Johann Wolfgang v. Goethe

[2] Ernst Jandl

 

Alle weiteren Verse sind geistiges Eigentum des Autors.