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Martin Teucher

Energie

Die Wahnsinnsformel

(ein Schul-Aufsatz in der 9. Klasse zum Thema "Die Welt in 100 Jahren))

Immer schneller werden meine Schritte, mein Atem immer lauter. Gleich haben sie mich! Andauernd muß ich mich vor ihren Photonen-Phaser-Schüssen ducken. Sie haben es auf mich abgesehen!

Plötzlich sehe ich einen Ausweg: das verlassene Haus des verrückten Professors. Die Vordertür steht offen. Ruckartig ändere ich meine Richtung. Gleich habe ich es geschafft! Nur noch ein paar Meter - - - Mist! Ein Phaser-Schuß hat mich in den Unterschenkel getroffen. Jetzt bin ich geliefert! Mühsam schleppe ich mich ins Haus. Meine Hände zittern, als ich nach dem Türschalter greife. Mit allerletzter Kraft drücke ich den Knopf hinein. Quietschend schließt sich die schwere Neutroniumtür und das hypertronische Kraftfeld wird aktiviert. Ich bin gerettet!

Mein Name ist Max und wir schreiben das Jahr 2095. Vorfälle wie diese sind heutzutage nicht selten.

Alles fing damit an, daß es einem gewissen Moritz Clever im Deutschunterricht langweilig war. Das ist nun schon rund 60 Jahre her. Er ging damals in die achte Klasse, und es ging mal wieder um Gliedsätze - ein Thema, das sie jedes Schuljahr aufs Neue behandelten, gerade so, als hätten sie vorher nie etwas davon gehört. Es war die Langeweile, die ihn dazu brachte, sich eine verrückte Formel auszudenken und niederzuschreiben. Zunächst hielt man ihn für einen Spinner, weil niemand das Zahlen- und Buchstabenwirrwarr zu deuten wußte. Später stellt man fest, daß sich mit Hilfe eben dieser Formel alle auf der Welt auftretenden physikalischen Erscheinungen erklären, berechnen und vorausbestimmen lassen können. Doch noch darüber hinaus: Aus der Formel lassen sich neue natürliche Sachverhalte ableiten, die in den folgenden Jahren in die Praxis umgesetzt wurden.

So entstand zum Beispiel der Energie-Materie-Wandler (kurz: EMW), mit dessen Hilfe man jeden beliebigen Körper praktisch „aus dem Nichts“ herstellen kann. Voraussetzung ist, daß der Computer die molekulare Struktur kennt. Diese kann man ihm eingeben, indem man ihn einen bereits vorhandenen Körper scannen läßt bzw. neue Körper am Bildschirm entwirft. Der EMW besitzt auch einen Biofilter, der verhindert, daß Lebewesen hergestellt werden können. Dieser ist direkt in den Hauptprozessor integriert, so daß Manipulation nahezu ausgeschlossen ist.

Um einem Materieüberfluß vorzubeugen, wurde auch ein Materie-Energie-Wandler erfunden, der Abfall restlos in Energie umwandeln kann, ohne, daß entstehende Schadstoffe die Umwelt belasten. Die gewonnene Energie kann vollständig wiederverwendet werden, z.B. für den EMW. Auch der MEW besitzt einen Biofilter, damit man nicht Menschen, die einem unangenehm sind, einfach verschwinden lassen kann.

Das Transportwesen wurde durch den Teleporter bedeutend revolutioniert. Mit ihm ist es möglich, Körper (auch Menschen) in ihre Moleküle zu zerlegen, in Form von elektro-magnetischer Energie in Lichtgeschwindigkeit an den Zielort zu übertragen, wo ihre Moleküle wieder zusammengesetzt werden. Transportmittel, wie Autos, Busse, Straßenbahnen, Flugzeuge ..., sind heutzutage überflüssig, da es alle fünfzig Meter auf der Erde einen Teleporter gibt.

Die Verbreitung der Apparaturen verlief folgendermaßen: Als die ersten zwei Prototypen des EMW fertig waren, wurde der eine vom anderen eingescannt. Nun war die Massenproduktion von EMW kein Problem mehr. Ebenso verfuhr man mit den anderen Geräten. So ist es kaum verwunderlich, daß heutzutage jeder Haushalt über einen EMW, einen MEW und einen Teleporter verfügt.

Ist es nicht fantastisch, was die Wissenschaft für das Wohl der Menschen fertigbringt? Haben wir jetzt nicht ein viel besseres, schöneres, erfüllteres Leben dank den Erfindungen der Wissenschaft? Hoch lebe die Wissenschaft!

So naiv dachten viele Menschen, als sie das erste Mal in ihrem Leben die o.g. Geräte vorgeführt bekamen. Zu spät erkannten sie, welche schädlichen Auswirkungen die neue Technik für alles Leben auf der Erde hatte. Was geschah?

Wenn jegliche Materie künstlich hergestellt werden kann, braucht man weder Industrie, noch Landwirtschaft, noch andere Produktionswesen. Diese Tatsache hatte eine enorme Arbeitslosigkeit zur Folge. Doch anstatt sich neue Arbeit zu suchen (z.B. die Dematerialisierung der verlassenen Fabrikgebäude), gingen die Menschen sozusagen auf Dauerurlaub. Wozu sollte man denn noch arbeiten? Alles, was man zum Leben braucht, verschafft einem der EMW, und mit dem Teleporter gelangt man in null-komma-nichts an jeden beliebigen (Urlaubs-)ort der Erde. Außerdem wird Geld bald nur noch den Wert des Materials haben, aus dem es besteht (aber auch der wird immer geringer...)

Wenn keiner arbeitet, gibt es auch keine Lehrer und auch keine Schule. Doch welche Mutter und welcher Vater vermag schon, seinen Kindern das Wissen zu vermitteln, das sie früher in einer Schulausbildung erhalten hätten? Kaum ein Jugendlicher kann heute lesen oder gar schreiben; denn viele sagen sich: Warum sollen wir lernen und arbeiten, wenn unsere Eltern auf der faulen Haut liegen? Die Devise lautet: Nur das machen, was Spaß macht. Es kommt also zu einer vollkommenen „Verblödung“ der Menschheit. Alles Wissen, das sich die Menschen über Jahrhunderte hinweg mühsam erarbeitet haben, wird nun innerhalb weniger Jahrzehnte völlig vergessen sein!

Hinzu kommt noch, daß die Arbeit eigentlich eine der Grundbedürfnisse des menschlichen Wesens ist. Wenn man nichts zu tun hat, hat man Langeweile - und kommt auf dumme Gedanken. Und so bilden sich Banden, die nichts besseres zu tun haben, als mit immer moderneren Waffen auf unschuldige Passanten zu schießen. Von solch einer Bande bin ich gerade verfolgt worden. Niemand fühlt sich verantwortlich, niemand tut etwas gegen sie. Wenn sie weiter so machen, werden ihre Waffen eines Tages so weit entwickelt sein, daß - - -

O, nein! Es ist soweit! Die Erde bebt! Der Weltuntergang!

Und alles nur wegen einer kleinen Formel, die aus Langeweile im Deutschunterricht entstand.

Martin Teucher 9c

Thema: Die Welt in hundert Jahren

Wortanzahl: 892

Datum: 28. August 1995